Nachbarin mit Messer bedroht

Gernsbach (stj) – Ein bibelfester 33-Jähriger sieht sich vor dem Amtsgericht als Opfer, wird aber trotzdem wegen Beleidigung und Bedrohung verurteilt.

Das Amtsgericht Gernsbach verurteilt einen Gernsbacher wegen Beleidigung und Bedrohung zu 600 Euro Geldstrafe. Foto: Nico Fricke

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Das Amtsgericht Gernsbach verurteilt einen Gernsbacher wegen Beleidigung und Bedrohung zu 600 Euro Geldstrafe. Foto: Nico Fricke

Von Stephan Juch

Gebetsmühlenartig stellte sich der Mann auf der Anklagebank als Opfer da. Seit Jahren werde er in seiner Mietwohnung drangsaliert, könne wegen der durch die Nachbarn verursachten starken Geräuschkulisse kaum schlafen und deshalb auch keiner geregelten Arbeit nachgehen. Am Nachmittag des 19. Mai 2020 sei ihm schließlich „der Kragen geplatzt“. Es sollen beleidigende Worte in Richtung einer 34-Jährigen gefallen sein, die der Gernsbacher zudem mit einem Messer bedroht haben soll. Für beides verurteilte ihn Amtsgerichtsdirektor Ekkhart Koch zu einer Geldstrafe.

Die Verhandlung bezeichnete der Richter als „Klassiker aus dem Bereich des Zusammenlebens“. Die atmosphärischen Störungen unter den Nachbarn sind offenbar auch der räumlichen Nähe der beiden Häuser sowie der älteren, äußerst hellhörigen Bausubstanz geschuldet. Der 33-Jährige schilderte ausführlich die seiner Meinung nach unerträglichen Zustände: Die Nachbarn telefonierten teils bis spät in die Nacht draußen direkt vor dem einzigen Fenster seiner Wohnung: „Das ist nicht zu ertragen.“ Mehrfach habe er höflich darum gebeten, das Kommunikationsverhalten zu ändern, ohne Erfolg.

Der seit vier Jahren arbeitslose Gernsbacher betonte, dermaßen von seinen Nachbarn belästigt zu werden, „dass ich dachte, ich sterbe in dieser Wohnung“. Ausziehen könne er nicht, weil man als Hartz IV-Empfänger auf dem Wohnungsmarkt so gut wie chancenlos sei. „Die Nerven liegen blank“, fasste Koch zusammen und erntete ein Nicken von der Anklagebank. Ansonsten aber war der junge Mann mit den Ausführungen des Richters nicht sonderlich einverstanden. Vor allem mit der Tatsache, dass Telefonieren im Freien nicht verboten ist. Und damit, dass es im Leben nun mal Sachen und Verhaltensweisen Anderer gibt, die einen stören. Es sei eine Frage der Lebensklugheit und des Geschicks, wie man damit zurechtkommt, erklärte Koch: „Man darf aber nicht einfach unflätig auf den Anderen los!“

„Ich kriege vielleicht eine Geldstrafe, die Leute kommen in die Hölle“

Wie das vonstattengegangen sein soll, schilderte die Geschädigte. Sie mutmaßte gar, dass es an der ausländischen Herkunft ihrer Familie liege, weshalb sie ständig beleidigt würden. Das sei schon seit dem Einzug so gewesen, bis die Situation an jenem 19. Mai eskalierte. Sie habe sich mit ihrer Schwägerin „ganz normal“ auf der Terrasse unterhalten, als sie der Nachbar unvermittelt als „Hure und Schlampe“ bezeichnet habe. Als sie mit den Worten konterte, „Halt die Klappe, solange du noch Zähne hast“, habe der Angeklagte ein Messer geholt, es aufgeklappt und sie damit bedroht. „Das hört sich schlimm an, aber das war es nicht“, versicherte hingegen der Angeklagte. Er habe mehrfach versucht, Frieden zu stiften, bis auf das eine Mal. Immer wieder verwies er darauf, die Bibel studiert zu haben und im Recht zu sein. „Ich weiß, dass Gott auf meiner Seite ist. Ich kriege vielleicht eine Geldstrafe, die Leute kommen in die Hölle“, sagte er zu seinen Nachbarn, von denen auch der Ehemann der Zeugin im Gerichtssaal war.

Die Staatsanwaltschaft sah den Vorwurf Beleidigung und Bedrohung bestätigt. Die Aussagen der Geschädigten seien glaubwürdig, anders als die des Angeklagten. Er müsse als bibeltreuer Christ wissen, dass man seinen Nächsten lieben und gegebenenfalls die andere Wange hinhalten soll – und kein Messer. Zudem verwies sie auf eine bereits erfolgte Verurteilung wegen Beleidigung, die das Bundeszentralregister ausweist. Der Richter verurteilte den 33-Jährigen schließlich zu 40 Tagessätzen zu je 15 Euro plus Verfahrenskosten. Das Multitool-Taschenmesser wird eingezogen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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Erstellt:
10. November 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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