Daimler Gaggenau: Kündigungen vermeiden

Gaggenau (tom) – Keine Kündigungen beim Personalabbau. So lautet das Ziel des Daimler-Betriebsrats. Das wurde bei der virtuellen Betriebsversammlung im Mercedes-Benz-Werk am Dienstagvormittag deutlich.

Nach Ende der Produktionsruhe am 20. April wird im Benzwerk wieder in reduziertem Umfang und unter besonderen Gesundheitsvorkehrungen produziert. Foto: Ulrich Jahn

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Nach Ende der Produktionsruhe am 20. April wird im Benzwerk wieder in reduziertem Umfang und unter besonderen Gesundheitsvorkehrungen produziert. Foto: Ulrich Jahn

Von Thomas Senger

Am Standort wird zum Schutz der Mitarbeiter auf Präsenzveranstaltungen verzichtet. Aus diesem Grund hat die Betriebsversammlung per Liveübertragung im Daimler-Intranet stattgefunden.

Es gebe „einiges an Unruhe in der Belegschaft“, sagte Betriebsratsvorsitzender Michael Brecht im anschließenden Pressegespräch. Schließlich stehe seitens des Unternehmens auch die Drohung mit Kündigungen im Raum. Dies sei nicht akzeptabel. Auch wenn das Unternehmen eines seiner schwierigsten Quartale hinter sich habe.

„Seit gestern sind die Briefe raus“, bestätigte Brecht, dass Daimler seinen Mitarbeitern Vorschläge zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Unternehmen unterbreite. „Eine Hülle und Fülle von Angeboten“ gebe es. Dies reiche von vorzeitigem Ausscheiden bis zu individuellen Arbeitszeitvereinbarungen. Bei dieser Abwägung könne man stets auf die Unterstützung des Betriebsrats vertrauen.

„Es wird rauer und ruppiger im Konzern“, sagte Brecht mit Blick auf Aussagen des Gesamtpersonalvorstands Winfried Porth: „Das ärgert und frustriert die Leute. Die Drohkeule des Personalvorstands ist kein guter Stil.“

„Haben bislang alle Krisen gemeistert“

Die Belegschaft wisse auch so um den Ernst der Lage, „aber wir haben bislang alle Krisen gemeistert.“ Brecht kritisierte Porths Szenario von 15.000 Stellen, die abgebaut werden sollten. „Ich bin ratlos darüber, was los wäre, wenn morgen 15.000 Leute gehen würden. Dann stünden wir vor dem Kollaps.“

Brecht verwies auf die Betriebsvereinbarung zur Zukunftssicherung. „Nicht nur der Betriebsrat, sondern beide Seiten“ müssten demzufolge in wirtschaftlichen Krisen nach Lösungen suchen. Diese wolle er noch vor der Ferienzeit finden, damit niemand mit Sorgen in den Urlaub fahren müsse. „Wir haben Instrumente, in der Krise Personalkosten zu reduzieren“, versicherte Brecht. Eine Krise gehe auch vorbei – und dann wiederum „braucht das Unternehmen jeden Einzelnen.“

Gleichwohl könne es „nie eine hundertprozentige Garantie geben“, dass es nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen werde, richtete Brecht den Blick auf die Absatzzahlen: „Wenn keiner mehr ein Auto kauft, dann wird es schwierig.“ Konzernweit habe man innerhalb von einer Woche 700 Anträge von Mitarbeitern erhalten, die vorzeitig und freiwillig das Unternehmen verlassen wollten.

Kooperation mit Volvo „zukunftsweisend“

Man werde versuchen, die Fluktuation über Altersteilzeit zu erhöhen. Konzernweit gebe es „Zehntausende von Menschen über 55“, das sei eine nennenswerte Zielgruppe. Der Zeithorizont reiche aber bis ins Jahr 2025.

Standortleiter Dr. Thomas Twork versicherte, es gehe ihm nicht ums „Kostenschrubben“, aber Organisation und Struktur des Betriebs müssten deutlich schlanker werden. Dies sei nicht nur Corona geschuldet. Neben Covid-19 stehe Daimler Trucks derzeit vor weiteren Herausforderungen:

Konjunktureller Nachfragerückgang in wichtigen Märkten, der wegen Corona weitaus deutlicher ausfällt als erwartet.

Transformation zum emissionsfreien, automatisierten und vernetzten Transport der Zukunft. Dies erfordere extrem hohen Einsatz. Der Pkw-Bereich eile hier als „Frontrunner“ voraus; dem Lkw komme hier die Rolle des Verfolgers zu („Fast Follower“). Das neue Joint Venture mit Volvo zur gemeinsamen Entwicklung von Brennstoffzellen-Lkw sei „zukunftsweisend“.

Strukturelle Herausforderung, Twork: „Vor diesem Hintergrund müssen die Effizienz- und Kostenmaßnahmen, die bereits im vergangenen Jahr festgelegt und über die im November 2019 informiert wurde, konsequent umgesetzt werden. Derzeit befinden wir uns in der Umsetzungsphase – auch am Standort Gaggenau.“

Beim avisierten Stellenabbau konzentriere man sich auf die sogenannten indirekten und produktionsnahen Bereiche. Neben der Verwaltung sind dies zum Beispiel Instandhaltung oder Betriebsmittelbau.

Man unterbreite den Mitarbeitern vielfältige Angebote. Zu den Höhen eventueller Abfindungen im jeweils sechsstelligen Bereich wollte Twork keine Aussage machen. Rentenanwartschaft und Betriebszugehörigkeit sind unter anderem Parameter, die zu berücksichtigen sind. Brecht sagte: „Das sind sehr hohe Beträge. Aber wir wollen die Leute ja eigentlich gar nicht loswerden.“ Thomas Twork versicherte, dass es keine Zielgröße gebe, wie viele Stellen der Standort Gaggenau streichen solle. Ziel sei eine generelle Kostensenkung, und da sei der freiwillige Austritt aus dem Unternehmen eines der Instrumente. Nur „auf Basis der bisherigen Vereinbarungen und auf Basis der doppelten Freiwilligkeit“ würde ein eventuelles Ausscheiden aus dem Betrieb erfolgen.

Twork: „Sehr fragile Situation“

Beim Thema coronabedingte Kurzarbeit seien Prognosen schwierig, gab Standortleiter Thomas Twork zu bedenken. Das Werk Gaggenau hat vom 23. März an die Produktion ruhen lassen. Seit 20. April wird wieder in reduziertem Umfang produziert und die Produktion sukzessive hochgefahren. Seit Anfang Juli habe man im Pkw-Bereich keine Kurzarbeit mehr, zum 1. August werde der Truck-Bereich nachziehen. Bis Ende September werde der gesamte Standort Gaggenau keine Kurzarbeit haben – dies ist auch urlaubsbedingt. In den Ferienmonaten habe man stets eine Abwesenheitsquote von rund 35 Prozent, ergänzte Michael Brecht. Wie es ab Oktober weitergehe, könne man derzeit nicht sagen, machte Standortleiter Twork deutlich: „Wir sind in einer sehr fragilen Situation.“

Absatz bereitet Sorgen

Man werde lange brauchen, bis man das Absatzniveau von 2019 wieder erreichen werde, orakelte Michael Brecht. 2,4 Millionen Autos habe Daimler 2019 verkauft. Im ersten Halbjahr 2020 waren es nur 890.000. „Man fragt sich, wo die fehlenden 1,5 Millionen noch herkommen sollen.“ Während in China die Verkaufszahlen annähernd gleich blieben, müsse man in Europa und im Nafta-Bereich (Freihandelszone zwischen USA, Kanada und Mexiko) einen drastischen Rückgang verzeichnen. Brecht kritisierte den geplanten Verkauf des Daimler-Standorts im lothringischen Hambach mit 1 600 Mitarbeitern. Daimler will den Smart künftig in China produzieren.

Bald ein „Leuchtturm“

„Die Halle werden wir bauen“, versicherte gestern Daimler-Standortleiter Thomas Twork. Das geplante Kompetenzzentrum werde ein „Leuchtturm“ werden. Wegen Corona habe sich der Baubeginn um mehrere Monate verschoben. Bereits im Herbst war mit dem Abriss von Bau 50 begonnen worden. Mit dem Neubau entlang von Schiller- und Goethestraße soll das Klappenteilegeschäft (unter anderem Türen, Kofferraumdeckel und Motorhauben) vorangetrieben werden. Aktuell werden diese in Bad Rotenfels hergestellt. Die Kosten werden auf rund 30 Millionen Euro beziffert. In der Halle werden auf 6 000 Quadratmetern etwa 100 Arbeitsplätze entstehen.

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Erstellt:
14. Juli 2020, 12:59 Uhr
Aktualisiert:
14. Juli 2020, 17:34 Uhr
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