Strategien gegen die Angst

Bühl/Baden-Baden (red) – Kurzarbeit, Umsatzeinbrüche, Insolvenzen – die Corona-Krise ist ein Stresstest für die Psyche von Angestellten, Führungskräften und Freiberuflern. Viele kämpfen mit Angst und Panikattacken. Die Max-Grundig-Klinik auf der Bühlerhöhe ist unter anderem auf solche Themen spezialisiert. Im Folgenden nennen Klinikmitarbeiter einige Strategien und geben Ratschläge.

Dr. Christian Graz rät, unter Stress die „VW-Regel“ anzuwenden: „Wünsche statt Vorwürfe“. Foto: Lauser

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Dr. Christian Graz rät, unter Stress die „VW-Regel“ anzuwenden: „Wünsche statt Vorwürfe“. Foto: Lauser

„Viele Menschen stehen derzeit vor der möglicherweise größten Herausforderung ihres Lebens“, sagt Dr. Christian Graz, Chefarzt der Psychosomatik der Max-Grundig-Klinik. Die Corona-Krise bringe sie an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Trotz des enormen Drucks dürfen Regungen wie Wut, Ohnmacht, Hoffnungs- und Ratlosigkeit aber nicht überhandnehmen. Um gesund durch diese Zeit zu kommen, gehöre gerade jetzt ein hohes Maß an Disziplin und Resilienz. Wer sich subjektiv „nicht in den Griff bekommt“, wird möglicherweise falsche Entscheidungen treffen und die ohnehin schwierige Situation noch verschlimmern.

Persönliches Krisenmanagement: Deshalb rät Graz: „Gegen Angstzustände in der aktuellen Ausnahmesituation gehört der Aufbau eines persönlichen Krisenmanagements.“ Dinge müssten zunächst priorisiert werden: „Was ist derzeit am wichtigsten? Welche Rolle will ich dabei einnehmen? Wie bleibe ich körperlich, emotional und sozial gesund? Wie schütze ich meinen engsten Kreis an Personen?“

Realistische Situationsanalyse: Punkt zwei ist eine realistische Situationsanalyse. „Mir berichten derzeit viele Menschen, dass sie Horrorszenarien durchleben und zum Beispiel Bilder der großen Depression Anfang der 30er Jahre im Kopf haben: Hunger, Armut, Elend,“ sagt Graz. Sein Rat lautet: Es sei an der Zeit, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen und daraus zu lernen, dass unsere heutige Wohlstandsgesellschaft auch in der Krise funktionieren werde. Niemand werde ohne Dach über dem Kopf dastehen, im Winter frieren oder nicht genügend zu essen haben. Solche Rationalisierungen könnten helfen, die Angst in den Griff zu bekommen.

Aspekte der Angst: Wer seine Angst bekämpfen will, sollte sich zunächst gut informieren und allgemeine Aspekte einer Angst verstehen: Angst sei zunächst einmal ein natürlicher und lebenswichtiger Schutzmechanismus, der zur Vorsicht mahne. Angstreaktionen seien ein sinnvolles biologisches Muster, das der Lebenserhaltung diene. Werde der Mensch mit real belastenden und existenziell bedrohlichen Ereignissen wie in Zeiten der Coronakrise konfrontiert, reagiere er zunächst mit einer allgemeinen Überforderung. Dabei zeige sich die Angst auf vier verschiedenen Ebenen: Im Denken (zum Beispiel „Ich werde schwer erkranken.“), auf körperlicher Ebene (zum Beispiel Herzrasen), im Bereich von Gefühlen (zum Beispiel „Ich fühle mich verzweifelt“) und auf Verhaltensebene (zum Beispiel flüchten). Im Teufelskreislauf gefangen, erwarte der Mensch dann subjektiv die reale Katastrophe und Negatives werde überbewertet.

In diesem inneren Überlebenskampf schüttet die Nebenniere Stresshormone (Katecholamine und Glukokortikoide) aus, Energiereserven werden so freigesetzt, um sich auf den „Kampf“ vorzubereiten, heißt es weiter. Über weitere Regelkreisläufe kommt es dabei auch zur Aktivierung des Sympathikus mit subjektiv spürbaren körperlichen Symptomen wie einer erhöhten Herz- oder Atemfrequenz. Der Mensch bewerte im nächsten Schritt diese Körperreaktion als real bedrohliche Situation.

Gegen den Stress: Dr. Christian Graz erläutert weiter: „Dieser Stress-Zustand ist wiederum ein gefährlicher Nährboden für somatische Erkrankungen, insbesondere aber das Auslösen psychischer Störungen.“ Um die hohe Stresskurve zuverlässig nach unten zu bringen, helfen Schlafhygiene, Bewegungseinheiten wie beispielsweise längere Spaziergänge, Entspannungsübungen wie Atemübungen, Yoga, Meditation oder progressive Muskelrelaxation.

Hat die Angst Krankheitswert, sollte immer der Experte aufgesucht werden. In der kognitiven Verhaltenstherapie würden dann gemeinsam mit dem Patienten die verzerrten Grundannahmen und Denkfehler aufgedeckt und durch entkatastrophisierende Alternativgedanken ersetzt; hierbei werden beispielsweise Pro- und Contra-Argumente herausgearbeitet.

Die „VW-Regel“: In zwischenmenschlichen Bereichen reagieren Menschen unter Stress häufig reizbar, ungehalten und unfair. Um solche Verhaltensweisen zu kontrollieren, könne die einfache „VW-Regel“ helfen: Statt Vorwürfe sollte man dabei Wünsche artikulieren. In der Quarantäne-Situation zu Hause können psychosoziale Alltagsspannungen auch vermieden werden, in dem gemeinsam ein Plan gegen die Langeweile entwickelt wird.

Negative Gefühle im Krisenfall ganz normal


„Gesunde“ Ängste: Aber auch Folgendes müssten Menschen jetzt verstehen, die unter Verlust- und Existenzängsten leiden, heißt es weiter: Wenn uns das Leben vor schreckliche und völlig ungewohnte Situationen stellt, seien „gesunde“ Ängste verständliche, nachvollziehbare und natürliche (Schutz-) Reaktionen von Körper und Geist. Der Chefarzt der Psychosomatik der Max-Grundig-Klinik sagt abschließend: „Entsprechende Gefühle dürfen jetzt auch zugelassen werden. Wichtig ist lediglich, einen Weg heraus aus dem Teufelskreis der Angst zu finden und sich immer wieder zu stabilisieren.“

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Erstellt:
12. April 2020, 11:00 Uhr
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