Baden-Badener Stiftskirche: Glocken läuten wieder

Baden-Baden (red) – Nach den aufwendigen Sanierungsarbeiten der Baden-Badener Stiftskirche gibt es nun am 1. Adventssonntag ein Glockenkonzert zu hören.

Die Stille hat ein Ende: Den Glocken der Stiftskirche kann man ab Sonntag, 29. November, wieder lauschen. Foto: Daniela Körner

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Die Stille hat ein Ende: Den Glocken der Stiftskirche kann man ab Sonntag, 29. November, wieder lauschen. Foto: Daniela Körner

Seit 22. März schweigen die neun Glocken der Stiftskirche Liebfrauen Baden-Baden. Doch am 1. Advent hat die renovierungsbedingte Stille ein Ende. Die Glocken werden zum „Wiederstart“ eine Stunde lang eine speziell ausgearbeitete Choreografie spielen. Alle Baden-Badener sind eingeladen, es sich auf ihren Balkonen gemütlich zu machen beziehungsweise ihre Fenster weit zu öffnen und das Glockenspiel zu genießen, heißt es in einer Mitteilung.

Die Glockenchoreografie wird ab Samstag unter www.meine-stiftskirche.de veröffentlicht und ermöglicht, die Glocken der Stiftskirche einzeln und im Zusammenspiel näher kennenzulernen. Musikalische Ohren werden zudem hören, dass der Klang der Glocken nun feiner und ausgewogener ist – und obwohl der Klang etwas leiser sein wird, wird er in größerer Entfernung zu hören sein als bisher, so die Mitteilung weiter.

Läuteanlage und Turm grundlegend saniert

Nachdem die Turmrenovierung im oberen Teil abgeschlossen und das Gerüst dort abgebaut ist, ist nun der Weg frei, dass die Glocken wieder schwingen und klingen können. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes gemeint, denn einige Glocken waren den Stahlträgern im Weg, die zur Befestigung des Baugerüsts in der Glockenstube angebracht werden mussten. Im Zusammenhang mit den allgemeinen Bauarbeiten am Turm erfuhr auch die Läuteanlage eine grundlegende Sanierung. Der vorhandene Glockenstuhl aus Stahl, der aus den 30er Jahren stammt, konnte saniert werden. Die Tragebalken – Joche, ebenfalls aus Stahl – wurden durch neue Holzjoche ersetzt. Zudem wurden die Glocken mit neuen Klöppeln ausgestattet und die maroden Holz-Schalläden durch neue ersetzt.

Glocken können bei fehlerhafter Disposition und unsachgemäßen Gebrauch erhebliche Schäden an den Baukonstruktionen hervorrufen. Deswegen steht beim Thema Glocken immer auch die Schonung des Gebäudes an vorderster Stelle.

Das zweite Ziel ist, dass die Haltbarkeit der Glocken durch die Vermeidung von Überbeanspruchung verlängert wird. Das dritte Ziel war, den Klang zu verbessern und unter Berücksichtigung der beiden genannten Faktoren eine bestmögliche musikalische Qualität zu erzielen. Eine Glockenrenovierung beziehungsweise -installation ist eine komplexe Angelegenheit, die das Zusammenspiel von Tragwerksplanern, Denkmalpflegern und Glockensachverständigen erfordert. Zudem braucht es jemanden, der ein sinnvolles Gesamtkonzept erstellt. Das war im Fall der Stiftskirche der Erzbischöfliche Glockeninspektor Johannes Wittekind.

Klang wird weicher werden

Bislang kam der Klang direkt aus der Glockenstube heraus. Dadurch, dass die Schallläden nun etwas stärker geschlossen sind, wird sich in Zukunft der Klang erst in der Glockenstube mischen und danach durch die Öffnungen der Schallläden in die Stadt hinausströmen. Den vordergründigen Moment des Klöppelanschlags, der die größte Schallenergie erzeugt, wird man also künftig nicht mehr so stark wahrnehmen, dadurch wird der Klang weicher werden.

Der zweite Grund für den verbesserten Klang liegt in den neuen geschmiedeten Stahl-Klöppeln. Diese wurden speziell für die Stiftskirche konzipiert von der Hochschule Kempten. Das dort ansässige Institut Probell hat die Klöppel auf der Grundlage von komplexen Messungen nach neuesten Erkenntnissen berechnet und geplant. Dabei wurden die Kemptner Glockenexperten laut der Mitteilung durch die Glocken der Stiftskirche vor besondere Herausforderungen gestellt, denn diese sind aus Briloner Sonderbronze gefertigt und haben einen wesentlich höheren Kupferanteil als übliche Glocken. Auch für sie und für den Erzbischöflichen Glockeninspektor ist der kommende Advent ein besonderer Tag. Denn sie hören zum ersten Mal das klangliche Ergebnis ihrer aufwendigen Arbeit.

Glocken begleiten durchs Kirchenjahr und sorgen klanglich für passende Stimmungen zu Zeiten wie Ostern oder Weihnachten. Von Glockeninspektoren werden dafür sogenannte Läuteordnungen mit unterschiedlichen Motiven entworfen wie beispielsweise das „Te Deum“, das „sechsstimmige Idealoktett“ oder das „Plenum“ im festlichen Zusammenklang aller Glocken. Für das erste Wiederläuten der Glocken der Stiftskirche nach der Renovation hat der erzbischöfliche Glockeninspektor Johannes Wittekind eine spezielle Choreografie entworfen. Zwischen den einzelnen Motiven gibt es jeweils kleine Pausen. Die Gesamtzeit des Glockenkonzerts beträgt etwa eine Stunde.

Zur Unterstützung der Renovation bietet die Stiftskirche Patenschaften für Kunstobjekte und bauliche Bestandteile an. Für vier der neun Glocken sind noch Patenschaften zu haben. Infos unter der Telefonnummer (07221) 9924822 oder E-Mail an post@meine-stiftskirche.de.

Geschichte in den Glocken erkennbar


Auch an den Glocken der Stiftskirche spiegelt sich ihre Geschichte. Beim Stadtbrand von 1689 zerstörte das Feuer Glockenstuhl und Glocken. Das erst 1935 eingebrachte Grüninger-Geläute und die ältere Christusglocke von 1862 wurden wie so viele Glocken in der Zeit des Nationalsozialismus 1942 abgenommen. Erhalten blieb nur – und das bis heute – das Messglöckchen im Dachreiter aus dem Jahre 1791. Als Kathedrale für den französischen Militärbischof bekam die Stiftskirche bereits 1948 neun neue Glocken. Das als Meisterstück Albert Junkers geltende Geläut hat 13 Tonnen Gewicht und ist eines der klangvollsten in Baden. Da das Geld in den Nachkriegsjahren knapp war, verwendete man Briloner Sonderbronze. Das Elektrolytkupfer stammte von alten U-Booten der Kriegsmarine und wurde von den Stadtwerken für 240.000 Reichsmark beschafft. Die Glockeninschriften verfasste der Baden-Badener Schriftsteller Reinhold Schneider.

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Erstellt:
26. November 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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